Gesellschaft für Geschichte
der Wehrmedizin

10. Wehrmedizinhistorisches Symposium

der Gesellschaft für Geschichte der Wehrmedizin e.V. in Zusammenarbeit mit der Sanitätsakademie der Bundeswehr und dem Bayerischen Hauptstaatsarchiv am 15. November 2018 in München

Das diesjährige Symposium der Gesellschaft für Geschichte der Wehrmedizin e. V. (GGWM) fand, erneut in Zusammenarbeit mit der Sanitätsakademie der Bundeswehr (SanAkBw) und erstmals mit dem Bayerischen Hauptstaatsarchiv (BayHStArch) als weiterem Kooperationspartner, unter dem Titel „Getroffen – Gerettet – Gezeichnet. Sanitätsdienst im Ersten Weltkrieg“ anlässlich der gleichnamigen Sonderausstellung am 15. November 2018 im Bayerischen Hauptstaatsarchiv in München statt.
Die Kommandeurin der Sanitätsakademie, Frau Generalstabsarzt Dr. Gesine Krüger, unterstrich in ihrem Grußwort die Wichtigkeit und Bedeutung von Geschichte und Tradition – geben sie doch Orientierung für militärische Werte und Führungsverhalten.
Nach der Begrüßung durch den Vorsitzenden der GGWM, Generalarzt a. D. Prof. Dr. Dr. Erhard Grunwald, führte Oberstarzt Prof. Dr. Ralf Vollmuth (Beauftragter des Inspekteurs des Sanitätsdienstes für Geschichte, Theorie und Ethik der Wehrmedizin am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam) als Moderator zunächst in das Thema ein. Dabei stellte er das Ausstellungskonzept und die Verantwortlichen für die fünf Ausstellungssektionen vor und schlug die Brücke zum bereits 2014 stattgefundenen 6. Wehrmedizinhistorischen Symposium „Sanitätsdienst im Ersten Weltkrieg“.
Als erster Referent des Symposiums untersuchte Oberstleutnant Mirko Urbatschek, M. A. (Sanitätsakademie der Bundeswehr) in seinem Vortrag "Mit Hurra in den Krieg?" – Vorstellungen vom Krieg und deren blutige Realität im Ersten Weltkrieg“ zunächst aus militärischer Sicht das Bild zukünftiger Kriege am Vorabend des Ersten Weltkrieges. In Folge der Einigungskriege stand dabei zuerst die Disziplin und Leistungsfähigkeit der Soldaten im Vordergrund. Am Beispiel der französischen und der deutschen Artillerie stellte der Referent die beginnende Technisierung und Waffenentwicklung dar, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu einer massiven Steigerung der Waffenwirkung führte, und letztlich in einen Rüstungswettlauf der europäischen Mächte mündete. In militärischen Führungsebenen wurden Überlegungen laut, die die „Überlebensfähigkeiten der Soldaten“ in Frage stellten und die neuen Waffensysteme immer mehr in den Mittelpunkt strategischer Planungen rückten. Mahnende Worte, wie beispielsweise des polnisch-russischen Bankiers Johann von Bloch, wonach ein Zukunftskrieg vor allem ein Kampf um Befestigungsanlagen sein würde und die Unterbrechungen der Handelswege mit großer Wahrscheinlichkeit einen Zerfall der an den kriegerischen Auseinandersetzungen beteiligten Staaten auslösen könnte, blieben weitgehend ungehört. Im zweiten Teil seines Beitrags erläuterte der Vortragende die vermeintliche Kriegsbegeisterung der deutschen Bevölkerung. Zeitgenössische Fotografien vermitteln den Eindruck einer tiefverwurzelten patriotischen Begeisterung, man sprach gar von „der anderen Front“. Neuere Forschungen relativieren dieses Bild – lediglich eine Minderheit des sogenannten „deutschnationalen Kleinbürgertums“ vertrat nach außen einen nahezu bedingungslosen „Kriegsfanatismus“.
Anhand der Lebensläufe des Feldgeistlichen Pater Rupert Mayer und des Krankenwärters Philipp Seeßle verdeutlichte Oberfeldarzt Dr. André Müllerschön (Sanitätsversorgungszentrum Neubiberg) in seinem Beitrag „Nüchterne Zahl versus Einzelschicksal – Verwundung und Sanitätsdienst in Lebensbildern“, wie Personen unterschiedlicher Herkunft und Sozialisation den Krieg erlebten und in der Folge von ihm gezeichnet oder geprägt wurden. Pater Rupert Mayer, zunächst enthusiastisch freiwillig in den Militärdienst eingetreten und als erster Geistlicher im Jahre 1915 mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse ausgezeichnet, erlangte durch sein uneigennütziges Eintreten für die seelsorgerische Betreuung der unmittelbar an der Front eingesetzten Soldaten nahezu Heldenstatus. Schwerst verletzt wandte er sich nach seiner Rehabilitation in Reden und Predigten gegen Nationalismus und Extremismus und ließ sich dabei auch nicht von Verhaftungen oder der Internierung in einem Konzentrationslager abhalten. Bei Ausbruch des Krieges leistete der gelernte Schreiner Philipp Seeßle als Krankenwärter seinen Militärdienst – besonders patriotische oder gar nationale Ansichten sind von ihm nicht überliefert. Der pflichtbewusste Soldat konnte nach Entlassung aus dem Wehrdienst zwar Fuß fassen, doch verschlechterten sich die wirtschaftlichen und privaten Rahmenbedingungen zusehends. Sein relativ früher Eintritt in die NSDAP lässt darauf schließen, dass er sich als Verlierer der Nachkriegszeit fühlte. Beide Lebenswege können als Mahnung dafür dienen, auch zukünftig alle Anstrengungen zu unternehmen, um jegliche Art von Krieg zu vermeiden.
Als letzte Referentin vor der Pause berichtete Archivrätin Christine Kofer, M. A. (Bayerisches Hauptstaatsarchiv) unter dem Titel „Tierische Retter – Sanitätshunde im Einsatz“ über Training und Aufgaben der deutschen Sanitätsrettungshunde. Der im Jahre 1893 in Aachen gegründete Deutsche Verein für Sanitätshunde finanzierte die ersten Ausbildungen der tierischen Retter durch den Verkauf von Postkarten. Nach Verlegung des Vereinssitzes nach Oldenburg 1914 entstanden in der Folgezeit über 50 Ausbildungsstätten für Hunde und Hundeführer in ganz Deutschland. Am geeignetsten erwiesen sich Airedale Terrier, Dobermann-Pinscher und Collies, die von ihren Besitzern zunächst dem Verein und – nach intensiver Schulung mit Scheinverletzten sowie der Gewöhnung an Ausrüstung, verschiedene Geländearten und der Suche mit anderen Hunden – der Heeresverwaltung überantwortet wurden. Unverzichtbar waren sie beim Auffinden von Verwundeten in unübersichtlichem oder absturzgefährdetem Gelände und im tiefen Schnee. Die Tiere erhielten den gleichen Status wie Soldaten, was durch Einträge in den Kriegsstammrollen belegt ist. Das Andenken an „im Dienst“ verstorbene Sanitätshunde wurde mittels Urkunden aufrechterhalten.
Im zweiten Teil des Symposiums stellte Flottenarzt Dr. Volker Hartmann (Sanitätsakademie der Bundeswehr) in seinem Referat „Kriegsverletzungen des Ersten Weltkrieges. Ausgewählte Präparate aus der Wehrpathologischen Lehrsammlung der Sanitätsakademie“ zunächst einige ausgewählte medizinische Lehrsammlungen, wie zum Beispiel die 1796 gegründete pathologisch-anatomische Sammlung im Wiener Narrenturm – die aus etwa 50 000 Objekten besteht – oder die mehr als 30 000 von Rudolf Virchow (dem Begründer der Pathologischen Anatomie) zusammengetragenen Exponate, vor. Während erstere immer noch für Besucher zugänglich ist, wurden letztere während des Zweiten Weltkrieges nahezu komplett zerstört. Einige wenige Präparate und medizinische Geräte finden sich heute im Medizinhistorischen Museum der Berliner Charité. Die an der Kaiser-Wilhelms-Akademie für das militärärztliche Bildungswesen gegründete Instrumenten- und Kriegschirurgische Sammlung, zu der unter anderem verschiedene Operationsbestecke berühmter Chirurgen wie Bernhard von Langenbeck oder aus der Napoleonischen Zeit stammende Knochenpräparate gehörten, ist seit Mai 1945 verschollen – Fotografien oder komplette Bestandslisten sind ebenfalls nicht mehr vorhanden. Anschließend ging der Referent auf die deutsche Kriegspathologie des Ersten Weltkrieges, als dessen Begründer Ludwig Aschoff anzusehen ist, ein. In der Bayerischen Armee betrieben Max Borst und Siegfried Oberndorfer die ersten Feldprosekturen, in denen sie unzählige Sektionen durchführten und eine Vielzahl beeindruckender, aber auch teilweise verstörender Präparate (wie zum Beispiel eine durch Phosgen geschädigte Lunge oder eine zusammengepresste „Verschüttungsniere“) anfertigten.
Für die kurzfristig erkrankte Archivdirektorin Dr. Martina Haggenmüller (Bayerisches Hauptstaatsarchiv) referierte Flottenarzt Dr. Volker Hartmann deren Vortrag zum Thema „Kriegsblinde und ihr Ringen um ein selbstbestimmtes Leben“. Auf deutscher Seite erblindeten während des Ersten Weltkrieges 2 450 Soldaten in Folge von Schuss- oder Kampfgasverletzungen vollständig, 10 000 galten als „einseitig erblindet“, worunter man den Verlust eines Auges oder eine Sehleistung von weniger als einem 50stel verstand. Oberstes Ziel der sanitätsdienstlichen Versorgung war es, die im Kampf Verwundeten schnellstmöglich zu augenärztlichen Spezialabteilungen in Universitäts- und Privatkrankenhäusern oder Reservelazaretten zu transportieren, um sie frühzeitig fachärztlich zu versorgen. Dabei stand die Sicherung der Sehkraft im Vordergrund – war ein Augenerhalt nicht möglich, wurden nach Entfernung von Fremdkörpern operativ die Voraussetzungen für die Insertion einer Augenprothese geschaffen. Nach Abschluss der Behandlung erhielten die Versehrten Unterricht in Landesblindenanstalten, wo sie das Gehen auf verschiedenen Untergründen, die Blinden- und Blindenkurzschrift, das Schreiben auf speziellen Schreibmaschinen, Korb- und Stuhlflechten sowie das Spielen von Instrumenten erlernten. Nach Beendigung der Ausbildung arbeiteten sie in Munitionsfabriken, verschiedenen Industriebetrieben oder – aufgrund ihres oft exzellenten Gehörs – als Klavierstimmer. Noch während des Krieges führten verschiedene private Gruppen Spendensammlungen für die ab 1916 im „Bund der erblindeten Krieger“ organisierten Invaliden durch. Trotz zusätzlicher Unterstützung durch Kommunen (beispielweise kostenlose Nutzung des Nahverkehrs) fühlten sich viele Kriegsversehrte von der Politik im Stich gelassen – eine Tatsache, die die nationalsozialistische Propaganda in den 1930er Jahren erfolgreich ausnutzen konnte.
In seinem Schlusswort bedankte sich Generalarzt a. D. Prof. Dr. Dr. Erhard Grunwald bei allen Referenten und betonte, wie eindrücklich die gehaltenen Vorträge sowohl das Grauen des Krieges als Ganzes, als auch die Folgen für einzelne Individuen gezeigt haben.

Oberfeldarzt Dr. André Müllerschön

Symposium_2018

Blick ins Auditorium, erste Reihe v. l. n. r.: Dr. Margit Ksoll-Marcon (Generaldirektorin der Staatlichen Archive Bayern),
Dr. Bernhard Grau (Direktor des Hauptstaatsarchivs), Generalstabsarzt Dr. Gesine Krüger (Kommandeurin der Sanitätsakademie der Bundeswehr)
Bildquelle: D. Wörner, BayHStArch