Gesellschaft für Geschichte
der Wehrmedizin

9. Wehrmedizinhistorisches Symposium

der Gesellschaft für Geschichte der Wehrmedizin e.V. und der Sanitätsakademie der Bundeswehr in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis Geschichte und Ethik der Wehrmedizin der Deutschen Gesellschaft für Wehrmedizin und Wehrpharmazie e.V. am 16. November 2017 in München

Das diesjährige Symposium der Gesellschaft für Geschichte der Wehrmedizin e.V. (GGWM) fand, erneut in Zusammenarbeit mit der Sanitätsakademie der Bundeswehr (SanAkBw) und bereits zum zweiten Mal mit dem Arbeitskreis Geschichte und Ethik der Wehrmedizin der Deutschen Gesellschaft für Wehrmedizin und Wehrpharmazie e.V. (DGWMP) als weiterem Kooperationspartner, unter dem Titel „Militärpsychiatrie im Spiegel der Geschichte“ am 16. November 2017 in München statt. Die Kommandeurin der Akademie, Frau Generalstabsarzt Dr. Gesine Krüger, unterstrich in ihrem Grußwort die Wichtigkeit und Bedeutung der Sanitätsakademie der Bundeswehr als Kompetenzzentrum für Ethik, Militärmedizingeschichte und Militärethik im Sanitätsdienst der Bundeswehr, welches durch die Einrichtung einer Forschungsstelle für Wehrmedizinische Ethik nochmals aufgewertet wurde. Auch im Hinblick auf die aktuelle Traditionsdebatte stellte sie die Notwendigkeit von historisch-politischen Bildung für alle Dienstgradgruppen im Sanitätsdienst heraus. An Stelle des kurzfristig erkrankten Vorsitzenden der GGWM begrüßte der stellvertretende Vorsitzende, Oberfeldarzt Dr. André Müllerschön, die anwesenden Teilnehmer und Referenten. Er unterstrich dabei die Aktualität des gewählten Themas auch im Hinblick auf die Belastungen deutscher Soldaten im Rahme von Auslandseinsätzen der Bundeswehr.

Oberstarzt Prof. Dr. Ralf Vollmuth, Beauftragter des Inspekteurs des Sanitätsdienstes für Geschichte, Theorie und Ethik der Wehrmedizin am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam und Vorsitzender des Arbeitskreises Geschichte und Ethik der Wehrmedizin der DGWMP, führte als Moderator zunächst in das Thema ein. Er stellte dar, das die Belastungen der Soldaten während der Vorbereitungen und tatsächlichen Einsätze nicht nur physischer, sondern auch psychischer Natur sind und sich die Militärpsychiatrie als medizinisches Fachgebiet mit einem komplexen Geflecht aus Ursachen und Ausprägungen von Erkrankungen auseinandersetzen muss.

Als erster Referent des Symposiums vermittelte Prof. Dr. Heiner Fangerau (Ordinarius am Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf) in seinem Vortrag „Geschichte der Psychiatrie
im 20. Jahrhundert: ein Überblick“ wesentliche Entwicklungsschritte der Psychiatrie in den vergangenen 100 Jahren. Neben konzeptionellen Ansätzen, wie beispielsweise den Diskussionen zwischen Anhängern der Sozialhygiene und der Rassenhygiene, stellte er den Wandel im Umgang mit psychischen Erkrankungen dar: von der Klassifizierung über Forschungen bis hin zu „heroischen Therapien“. Zu letzteren zählten unter anderem Insulinschock-, Elektrokrampf- und Malariatherapie, aber auch pharmakologische Krampftherapie mit Cardiazol sowie Tiefschlaftherapie mit Barbituraten. Während des Nationalsozialismus stand das eugenische Behandlungskonzept im Vordergrund, in dessen Folge etwa
70 000 Patienten, die an verschiedensten psychiatrischen Erkrankungen litten, ermordet. Nach 1945 kam es mit der Anwendung radikaler Therapiemaßnahmen und dem teilweise Verwehren von elementaren Patientengrundrechten in Kliniken und Krankenanstalten zu einer regelrechten Renaissance der Zwischenkriegszeit.

Den Umgang und die Therapie von psychisch kranken Soldaten im Ersten Weltkrieg stellte Oberfeldarzt Dr. André Müllerschön (Sanitätsversorgungszentrum Neubiberg) mit dem Beitrag „‚Zu Feldsoldaten eignen sich die Leute keineswegs mehr.’ Zur Geschichte der ‚Kriegszitterer’ im Ersten Weltkrieg“ vor. Neben den Diskussionen über die Ursachen der psychischen Erkrankungen (viele Mediziner sahen nicht die schrecklichen Erlebnisse und Erfahrungen als Auslöser, sondern den „mangelnden Willen“ als ursächlich an) prägten vor allem disziplinierende Behandlungsmaßnahmen das Bild der Militärpsychiatrie im Ersten Weltkrieg. Als Synonym für eine Therapie, deren hauptsächliches Ziel augenscheinlich in der Wiederherstellung der Fronttauglichkeit der Patienten mit allen Mitteln lag, galt viele Jahre die nach ihrem Entwickler Fritz Kaufmann benannte „Kaufmann-Kur“. Dabei hatte Kaufmann bereits 1916 eine vorsichtige Indikationsstellung propagiert und unterstrichen, dass nach seinem Verfahren geheilte Soldaten meist nur noch ganisons- und nicht kriegsverwendungsfähig seien. Verschiedene Forschungsprojekte haben unterdessen gezeigt, dass es eine deutliche Diskrepanz zwischen Stellungnahmen führender Psychiater in den zeitgenössischen medizinischen Fachpublikationen und den Behandlungen in den frontnahen Lazaretten gab. Der Vortragende kam zu dem Schluss, dass es sicherlich Militärärzte gab, die sich profilieren wollten und deren erklärtes Ziel es war, Soldaten so schnell wie möglich wieder fronttauglich zu machen. Andererseits hatte zumindest ein nicht kleiner Teil der Militärärzte konkrete Vorstellungen von den Lebens- sowie Kampfbedingungen der Soldaten und fühlte sich in allererster Linie den Patienten und deren Wohl verpflichtet.

Als letzter Referent vor der Pause berichtete Oberstleutnant d.R. Peter Wildner (Sanitätsakademie der Bundeswehr) unter dem Titel „München 1916 – Zäsur oder Kongress unter vielen? Die Kriegstagung des Deutschen Vereins für Psychiatrie und der Gesellschaft Deutscher Nervenärzte“ über die intensiven Diskussionen während der beiden wissenschaftlichen Veranstaltungen. Ziele waren – neben einem Konsens zur Entstehung und Prädisposition von psychiatrischen Krankheitsbildern – die Vereinheitlichung der Therapie psychisch Kranker sowie eine klare Positionierung zur Frage der versorgungsrechtlichen Abfindung im Sinne einer Kriegsbeschädigung. Zum letzten Punkt positionierten sich die Teilnehmer der Kriegstagung eindeutig, in dem sie für eine Änderung des Rentenanspruchs bei psychiatrischen Erkrankungen votierten. Zukünftig sollte eine Einmalzahlung die lebenslangen Renten ersetzen. Auf dem sich anschließenden nervenärztlichen Kongress drehten sich die wissenschaftlichen Auseinandersetzungen vor allem um die Ursachen der psychischen Erkrankungen. In der Frage, ob der Krieg die Symptome auslöst oder ein schwacher Wille die Hauptursache ist, konnte in München kein Übereinkommen erreicht werden. Die Diskussionen zu Verrentungen und Behandlungen zogen sich letztlich über das Ende des Ersten Weltkrieges bis in die Weimarer Republik hinein.

Im zweiten Teil des Symposiums beleuchtete Philipp Rauh vom Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Universität Erlangen in seinem Referat „Der lange Schatten der herrschenden Lehre. Die Militärpsychiatrie im Zweiten Weltkrieg und nach 1945“ über Kontinuitäten und Diskontinuitäten auf dem Gebiet der Militärpsychiatrie. Zunächst erfolgte die Darstellung des Umgangs mit psychisch Kranken in der Zwischenkriegszeit und nach der Machtergreifung – ab diesem Zeitpunkt zählten beispielsweise Hysterie und Neurosen zu den Erbkrankheiten. Mit der Änderung des Versorgungsgesetzes im Jahre 1934 erlosch unter anderem auch der Rentenanspruch von psychisch erkranken Soldaten und Veteranen des Ersten Weltkrieges. Die sich im Laufe der nächsten Jahre anschließenden Zwangssterilisierungs- und Euthanasiemaßnahmen machten auch vor ehemaligen Kriegsteilnehmern nicht halt – etwa 5 000 von ihnen wurden getötet. Der Hauptteil des Referates beschäftigte sich mit der Militärpsychiatrie im Zweiten Weltkrieg. Die Therapie von psychisch auffälligen Soldaten sollte nach einem vierstufigen Model erfolgen. Brachten Ruhe und Erholung keine Erfolgt, kamen Medikamenten zum Einsatz und – falls keine Besserung erkennbar war – Psychotherapie mit unterstützenden Maßnahmen wie beispielsweise Kreislauf- oder Elektroschocks. Blieben alle therapeutischen Bemühungen erfolglos, wurde kein medizinisches als ursächlich angesehen und die Patienten sollten durch ihre Vorgesetzten diszipliniert werden. Nach Kriegsende hinterfragten die beteiligten Militärpsychiater die Therapien und ihr eigenes Handeln kaum.

Referenten

Referenten und Moderator des Symposiums, von links: Flottenarzt Dr. Hartmann, Oberfeldarzt Dr. Müllerschön, Oberstarzt Prof. Dr. Vollmuth,
Oberstleutnant d.R. Peter Wildner, Prof. Dr. Heiner Fangerau, Philipp Rauh. Foto: D. Fischer, SanAkBw


Als letzter Referent ging Flottenarzt Dr. Volker Hartmann, Abteilungsleiter A der Sanitätsakademie der Bundeswehr,
auf „Neuro-Enhancement am Beispiel von Pervitin“ ein. Erstmalig wurde das, in Deutschland zunächst frei verkäufliche, Metamphetamin im Jahre 1938 synthetisiert. Nach einem zwischenzeitlichen Verbot des freien Erwerbes testete der Physiologe Otto Ranke 1939 die Wirkung des Präparates an Sanitätsfähnrichen der Militärärztlichen Akademie in Berlin. Nach Ausbruch des Krieges beschaffte die Wehrmacht etwa 30 Millionen Tabletten und nahm sie in die Sanitätsmaterialversorgung auf. Entgegen oft geäußerten Vermutungen kam Pervitin bei den U-Bootfahrern der Kriegsmarine nicht zum Einsatz. Als Grund können sicherlich die damals bekannten Nebenwirkungen angesehen werden. Auf großen schwimmenden Einheiten, wie den schweren Kreuzern, war Pervitin Bestandteil der Bordapotheke und wurde bei besonderen Operationen wie beispielsweise dem Unternehmen „Cerberus“ – dem Durchbruch der Schlachtschiffe „Gneisenau“ und „Scharnhorst“ sowie des schweren Kreuzers „Prinz Eugen“ durch den Ärmelkanal vom 11. bis 13. Februar 1942 – an die Besatzungen ausgegeben. Ab März 1944 und der sich immer mehr zuspitzenden militärischen Situation sollten bei den Kleinkampfverbänden und Kampfschwimmern auch Schädigungen der Soldaten durch Medikamente in Kauf genommen werden. Dazu untersuchte die Marine verschiedene Wirkstoffkombinationen, was nach Auswertung der Ergebnisse zu einem vermehrten Einsatz von „D IX“ (bestehend aus Eudokal, Pervitin und Cocain) führte. Neben Forschungen an Soldaten erfolgten vom 16. bis 20. November 1944 Versuche zur Wirkung leistungssteigernder Substanzen an Häftlingen des Konzentrationslagers Sachsenhausen.

In seinem Schlusswort bedankte sich Oberfeldarzt Dr. André Müllerschön bei allen Referenten und betonte, dass die gehaltenen Vorträge gezeigt haben, wie wichtig und aktuell die Aufarbeitung auch einzelner Aspekte der Militärpsychiatrie ist.

Oberfeldarzt Dr. André Müllerschön




Seltenes chirurgisches Besteck für die Lehrsammlung

Die Militärgeschichtliche Lehrsammlung konnte ihre Bestände 2017 durch eine Schenkung
von Herrn OMR Prof. Dr. sc. med. Dietmar Enderlein um ein seltenes chirurgisches
Instrumentarium erweitern. Das uns übertragene sehr gut erhaltene „Besteck Nr. 5“ ist in den
verfügbaren Literaturquellen, Vorschriften und Packordnungen nicht beschrieben. Sicher ist
nur, dass es durch die Firma Aesculap, Tuttlingen, um 1930 hergestellt wurde. Der Kasten ist
aus Panzerholz (Vollmetallkasten mit Wandauskleidung aus Schusterspan und Filzbeschlag)
gefertigt, was erst durch das Truppenbesteck 1935 bekannt wurde. Die Einsätze sind äußerst hochwertig
und zeitintensiv hergestellt. Enthaltene Instrumente und Geräte zeigen eine
Variabilität derer des Ersten und Zweiten Weltkrieges. Hier sei als Beispiel die
„Schimmelbuschmaske“ zur Durchführung von Narkosen genannt, die erst mit dem
Truppenbesteck 1935 den Einzug in die Sanitätsausrüstung der Wehrmacht hielt. Das
enthaltene Chloroformfläschchen nach Esmarch erscheint jedoch zum letzten Mal im
Truppenbesteck 1918 des kaiserlichen Heeres. Aufgrund dieser Tatsachen und der
dunkelgrünen Originalfarbe (Kasten weitgehend überlackiert) ist der Kasten als sehr seltenes
Bindeglied zur Feldsanitätsausrüstung der Reichswehrzeit anzusehen.

Oberfeldarzt d.R. Ronnie Strauch

Besteck Nr 5